Willkommen!
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STELLUNGNAHMEN AKTUELL

„Mach dich auf!“  לֶךְ-לְךָ

„Lech lecha!“ – diese Anrede Gottes an Abraham in Gen 12,1, die oft ganz unzu­läng­lich übersetzt wird mit „Zieh weg (aus deinem Land…)“, enthält im Hebräischen einen energischen Nachdruck, etwa so, wie heutige Araber ihn mit dem auch bei uns in die Jugendsprache einsickernden „Yallah!“ verbinden würden: „Los, mach dich auf, und geh (…) in das Land, das ich dir zeigen werde!“

Etwas in der Art möchte man gern denen zurufen, die nach bald eineinhalb Jahren Corona in präventive Resignation versunken scheinen: Da doch gewiss eine vierte Welle bevorstünde, für Herbst und Winter lieber nichts planen, schon gar nicht Präsenzveranstaltungen. Lieber gar nicht mehr reisen und auf unbestimmte Zeit das worst case scenario voraussetzen. Abrahamisch gedacht ist das nicht. Resignation ist kein Bestandteil von Religion. Resignation ist das Gegenteil von Religion. So habe ich es einmal in den Blättern Abrahams formuliert (Heft 17, Seite 126). Mit Bedacht, aber auch mit Zuversicht, mit Vernunft (und mit Impfung!) das Leben wieder zulassen.

Zum Aufwachen und wieder Aufstehen aus der Lethargie gehört aber noch sehr viel mehr. Dass wir nämlich nicht einfach da weitermachen, wo wir im März 2020 stehengeblieben sind. Vielleicht hat uns der Schöpfer ein großes „Lech lecha!“ zugerufen (in der fem. Form an eine Frau gerichtet hieße es: „Lechi lach!“ ), damit wir uns endlich entschlossen aufmachen, um die Verirrungen unseres Umgangs mit der Natur, in der Tierhaltung und Fleischwirtschaft, in der Verleugnung der Klima­krise, auch in der sozial, wirtschaftlich und politisch ungerechten Weltordnung hinter uns zu lassen? Was müsste noch passieren, dass wir endlich losgehen? Jetzt!

Stefan J. Wimmer

(Editorial der ABRAHAMS POST 39.2021/22)

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Jerusalem Declaration on Antisemitism

von Stefan Jakob Wimmer

Regelmäßig haben wir in der „Abrahams Post“ über den gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus berichtet und darüber, wie dieser Kampf durch den Miss­brauch des Antisemitismusbegriffs und -vorwurfs konterkariert wird. Dabei kommt einer im Jahr 2016 von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) herausgegebenen „Arbeitsdefinition“ von Antisemitismus eine zentrale Rolle zu. Sie lässt in Interpretation und Auslegung Spielräume offen, die im Sinne politischer Interessen ausgenutzt werden können. Wir haben ausführlich davon berichtet, wie gerade in München in Folge eines Stadtratsbeschlusses von 2017 durch fehlgelei­tete Handhabung in der städtischen Praxis die Meinungsfreiheit beschränkt und Unrecht an Menschen verübt wird, die Anerkennung und Unterstützung verdienen würden anstatt Diffamierung und Stigmatisierung.

Eine Gruppe international renommierter Wissenschaftler*innen aus der Antisemitis­mus­forschung und damit zusammenhängenden relevanten Bereichen hat nun, unterstützt von zahlreichen Persönlichkeiten aus Europa, den USA und Israel, auf die Arbeitsdefinition der IHRA reagiert und im März 2021 eine erweiterte Definition von Antisemitismus veröffentlicht: „The Jerusalem Declaration on Antisemitism (JDA)“ („Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“).

Anders als die IHRA-Definition legt die JDA nicht nur fest, welche Einstellungen antisemitisch sein können – was in entsprechend missbräuchlicher Auslegung dann aber nicht mehr hinterfragt wird –, sondern stellt darüber hinaus auch fest, was nicht antisemitisch ist. Damit bietet sie aus kompetenter Richtung Orientierung für die, die im Spannungsfeld zwischen Antisemitismusverdacht und legitimer Kritik an der Politik Israels irritiert sind und – wie sich leider zeigt – daher oft wichtige Stimmen delegitimieren und den tatsächlichen Kampf gegen Antisemitismus beschädigen.

So wird in der JDA unter den 10 Punkten, die als antisemitisch gelten (fünf davon beziehen sich auf den Israel-Palästina-Konflikt), festgestellt, dass es zum Beispiel antisemitisch ist, „die Symbole, Bilder und negativen Stereotypen des klassi­schen Antisemitismus auf den Staat Israel anzuwenden“, „Jüd:innen kollektiv für das Verhalten Israels verantwortlich zu machen oder sie, bloß weil sie jüdisch sind, als Agent:innen Israels zu behandeln“, „Jüd:innen im Staat Israel das Recht abzu­sprechen, kollektiv und individuell gemäß dem Gleichheitsgrundsatz zu leben.“ Unter den fünf Beispielen, „die nicht per se antisemitisch sind (unabhängig davon, ob man die Ansicht oder Handlung gutheißt oder nicht)“ wird unter anderem angeführt: „Unterstützung der palästinensischen Forderungen nach Gerechtigkeit und der vollen Gewährung ihrer politischen, nationalen, bürgerlichen und mensch­lichen Rechte, wie sie im Völkerrecht verankert sind“, „Faktenbasierte Kritik an Israel als Staat. (…) Es ist nicht per se antisemitisch, auf systematische rassistische Diskrimi­nie­rung hinzuweisen“, „Boykott, Desinvestition und Sanktionen sind gängige, gewalt­freie Formen des politischen Protests gegen Staaten. Im Falle Israels sind sie nicht per se antisemitisch.“

In dem der Erklärung angefügten, ausführlichen Kommentar in Fragen-und-Ant­worten-Form wird zur letztgenannten Leitlinie klargestellt, dass damit nicht gleich­zeitig die so genannte „BDS“-Kampagne unterstützt wird. „Die Unterzeichnenden haben unterschiedliche Ansichten zu BDS. Leitlinie 14 besagt nur, dass gegen Israel gerichtete Boykotte, Desinvestitionen und Sanktionen nicht per se antisemitisch sind.“ Für die Beurteilung, welche Maßnahmen von „BDS“ antisemitisch sind, haben dieselben Definitionen zu gelten, wie in anderen Fällen. (Siehe dazu auch unter „Gute Nachrichten“: „Im ‚Eine-Welt-Haus‘ darf auch über ‚BDS‘ gesprochen werden“, weiter unten.)

Die JDA ist in voller Länge in der englischsprachigen Originalversion und in deutscher Übersetzung verfügbar unter: https://jerusalemdeclaration.org

Die Freunde Abrahams begrüßen die „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ als dringend gebotene, seriöse Klarstellung gegenüber der IHRA-Definition. Wir schließen uns ihr vollinhaltlich an und rufen Institutionen ebenso wie die Öffentlich­keit dazu auf, sie zu übernehmen, zu vertreten, zu verbreiten und zu unterstützen.

(aus: ABRAHAMS POST 39.2021/22)

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Weltoffenheit

Nein, es kam nicht so weit. Effi Eitam, ein israelischer Aktivist in der Siedlerbewegung und Politiker der früheren ultra-rechten National-Religiösen Partei, dessen Rhetorik und Verhalten gegen Arabern von weiten Teilen der israelischen Gesellschaft als extrem rassistisch eingestuft werden, wurde nun doch nicht zum neuen Vorsitzenden des Direktoriums von Yad Va-Shem ernannt. In und außerhalb Israels wurden zahl­reiche Stimmen laut, die den internationalen Ruf und das Selbstverständnis der Ge­denk- und Forschungsstätte zur Schoah in Frage gestellt sahen. Dass es zu der für den 1. Januar 2021 angekündigten Ernennung, für die sich Premierminister Netan­jahu persönlich eingesetzt hatte, nun doch nicht gekommen ist, ist bemerkens­wert.

Die Logik, die Befürworter der Personalie vorgebracht hatten, geht so: In der Schoah wurden Juden von Nazi-Deutschland und Unterstützern massenhaft ermordet, das Ziel war die Auslöschung jüdischer Menschen überhaupt. Arabische Positionen ge­gen­über Israel befürworten und betreiben einen gewaltsamen Kampf gegen jüdische Menschen in Israel, und häufig auch außerhalb Israels, ihr erklärtes Ziel ist die Auslöschung des Jüdischen Staates. Das eine wie das andere anzusprechen, ernst zu nehmen und heute die gegebenenfalls notwendigen Maßnahmen dagegen zu befürworten – ist per se weder rassistisch noch rechtsextrem. Das gilt unabhängig von der Frage, ob diese Darstellung einer objektiven Realität entspricht oder nicht. (Nach meiner Wahrnehmung trifft sie in der Tat weitgehend zu.) Und es gilt umso mehr, wenn diese Meinung nicht aus der sicheren Bequemlichkeit anderer Länder heraus geäußert wird, sondern aus der Lebenswirklichkeit derer, die damit ihre eigene Existenz dauerhaft in Frage gestellt sehen.

Das anzusprechen, ernst zu nehmen und die gegebenenfalls notwendigen Maß­nahmen dage­gen zu befürworten, kann aber in der Tat in rechtsextreme und sehr schnell auch in rassistische Einstellungen und Handlungsweisen gegen Araber und gegen Muslime münden. Beinahe zwangsläufig begünstigt es solche, schafft so genannte Resonanz­räume für entsprechende Stimmungsmache, und den von Rassismus tatsächlich Betroffenen wird es schwerfallen, die gebotene Differenzierung vorzunehmen. Und leider beschreibt auch das eine Lebenswirklichkeit in Israel. – Nach allem, was über Effi Eitam bekannt wurde, wäre seine Berufung zum Direktor von Yad Va-Shem verheerend für Yad Va-Shem und für einen aufrichtigen Kampf gegen Antisemitis­mus gewesen.

Womit wir zum Schauplatz Deutschland zurückkehren, wo diesem Kampf eine eigene Qualität zukommt. Wir haben in der Abrahams Post immer wieder die besorg­nis­erregende Entwicklung verfolgt, mit der sich Menschen in Deutschland seit einigen Jahren konfrontiert sehen, die diesen aufrichtigen Kampf gegen Antisemitis­mus hier glaubhaft verfechten. Ausgerechnet die moralische Verantwortung, der aufrichtige Wille und die tiefe Entschlossenheit vieler in Deutschland, jede Form von Antisemitismus zu bekämpfen, wird insbesondere in München aber auch in ganz Deutschland dafür instrumentalisiert, Kritik an der rechtsgerichteten und nach Meinung vieler jüdischer Menschen in und außerhalb Israels verhängnisvollen Politik Israels zu unterbinden, sowie das Unrecht, das anderen angetan wird, nicht angemessen zur Sprache zu bringen.

Wer sich für die berechtigten Belange auch der Palästinenser einsetzt, wer die Perspektive der arabischen Welt – möge sie einer objektiven Realität entsprechen oder nicht – zumindest in eine offene Debatte mit einbringen möchte, selbst dann, wenn er/sie diese selbst nicht vertritt – kann in der Tat bewusst oder unbewusst antisemitische Muster bedienen. Beinahe zwangsläufig begünstigt dies solche, schafft sogenannte Resonanzräume für entsprechende Stimmungsmache, und den von Antisemitismus tatsächlich Betroffenen wird es womöglich schwerfallen, die gebotene Differenzierung vorzunehmen. In der Tat gibt es Antisemiten, die diesen berechtigten Einsatz für sich instrumentalisieren. Gegen sie hat sich unser aller Kampf zu richten.

Sich für die berechtigten Belange auch der Palästinenser einzusetzen, die Perspektive der arabischen Welt – möge sie einer objektiven Realität entsprechen oder nicht – zumindest in eine offene Debatte mit einzubringen, und zwar unabhängig davon, ob man sie selbst vertritt oder nicht – ist aber nicht per se antisemitisch. Wer diese Differenzierung nicht vornimmt, läuft Gefahr, selbst bewusst oder unbewusst Unrecht zu verüben, und genau dies geschieht in erschreckendem Ausmaß! Das gilt gerade auch dort, wo ein erklärter Auftrag gegen Antisemitismus oder Rechtsextremismus vorzugehen vorliegt – und es bleibt unerträglich, dass solches Unrecht gerade von dort aus fortwährend verübt wird.

Es überrascht insofern nicht, dass sich die Stimmen immer weiter mehren, die sich dieser Entwicklung in Deutschland entgegensetzen. Die Initiative „GG 5.3 Welt­offen­heit“ von Repräsentant*innen öffentlicher Kultur- und Wissenschaftseinrichtun­gen zeigt auf, wie vor diesem Hintergrund die vom Grundgesetz (Art. 5, Abs. 3) garantierte Meinungsfreiheit in Kunst und Wissenschaft bedroht wird. Der volle Wortlaut ihres im Dezember 2020 veröffentlichten Plädoyers ist im Internet einsehbar.[1]

Sie bekennt sich unmissverständlich zum „gemeinsamen Kampf gegen Antisemitis­mus, Rassismus, Rechtsextremismus und jede Form von gewaltbereitem religiösen Fundamentalismus“. Und gerade deshalb fordert sie, dass die historische Verant­wortung Deutschlands nicht dazu führen darf, „andere historische Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung moralisch oder politisch pauschal zu delegitimieren.“ Sie bringt die Problematik, die doch eigentlich alle, die wirklich glaubwürdig gegen Antisemitismus ankämpfen wollen, miteinander verbinden müsste, auf den Punkt, wenn sie die missbräuchlichen Verwendungen des Antisemitismusvorwurfs anpran­gert, durch die „wichtige Stimmen beiseite gedrängt und kritische Positionen verzerrt dargestellt“ werden. Zum Arbeitskreis und den Unterzeichner*innen des Plädoyers gehören unter vielen anderen das Goethe-Institut, die Kulturstiftung des Bundes, das Einstein Forum Potsdam, das Moses Mendelssohn Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien, das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, das Jüdische Museum Hohenems, der Deutsche Bühnenverein, das Deutsche Theater Berlin, das Staats­schauspiel Dresden, die Münchner Kammerspiele (als einzige Institution in München). Ich möchte mich für die Freunde Abrahams den zitierten Formulierungen anschließen, und schließe dabei natürlich auch die darin ebenfalls enthaltene Fest­stellung ein: „Da wir den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch für grund­legend halten, lehnen wir den Boykott Israels durch den BDS ab.“

Es überrascht sogleich leider kaum, dass auch diese Initiative umgehend als „antisemitisch“ diskreditiert wurde. So sieht der Antisemitismusbeauftragte des Landes Berlin darin einen Versuch, die Diskussion über antisemitische Positionen abzuwürgen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum führt sie gar auf seiner Liste der zehn weltweit schlimmsten antisemitischen Vorfälle im Jahre 2020 (auf Platz sieben)![2]

Es überrascht aber erst recht nicht, dass die Stimmen gegen den Missbrauch des Antisemitismusvorwurfs besonders auch von zahlreichen jüdischen Menschen innerhalb und außerhalb Deutschlands immer lauter werden. Das Festjahr Jüdisches Leben in Deutschland, das wir 2021 aus Anlass der vor 1700 Jahren erfolgten ersten Erwähnung jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschland feiern, hat das erklärte Ziel, „jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem erstarkenden Antisemitismus etwas entgegenzusetzen“ (https://2021jlid.de/). Wir sind gespannt, wie im überaus reichhaltigen Veranstaltungsprogramm auch diese Vielstimmigkeit abgebildet wird.

[1] z. B. hier:
https://www.humboldtforum.org/wp-content/uploads/2020/12/201210_PlaedoyerFuerWeltoffenheit.pdf

[2] Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Initiative_GG_5.3_Weltoffenheit#cite_note-9;
zuletzt aufgerufen: 29.1.2021)

(aus: ABRAHAMS POST 38.2021)

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"Abraham Accord" ?!
Zu den neuen Abkommen im Nahen Osten

Ich kann mich gut erinnern, als während meiner siebenjährigen Studienzeit in Jerusalem, genauer im Juli 1986, im israelischen Rundfunk aufgeregt die Eilmel­dung enthüllt wurde, dass sich Premierminister Shimon Peres in einem Flugzeug in Richtung Marokko befände. Das war durchaus sensationell, denn seit dem Ägypter Anwar al-Sadat (der dafür mit dem Leben bezahlte) war kein arabischer Staatschef bereit gewesen, öffentlich einen Regierungschef Israels zu empfangen. Der damalige König Hassan II. (gest. 1999) unternahm nun diesen Schritt. Zwei Ta­ge blieb die israelische Delegation in einem Palast nahe der Königsstadt Fes. Dort hatte die Arabische Liga einige Jahre zuvor, 1982, einen Plan vorgelegt, wonach der Uno-Sicherheitsrat „Frieden und Sicherheit aller Länder der Region garantieren“ solle – was implizit eine Anerkennung Israels eingeschlossen hätte, unter der Voraus­setzung, dass Israel sich „aus allen besetzten Gebieten“ zurückzöge und einen Palästinenserstaat unter Führung der PLO mit Jerusalem als Hauptstadt anerkennen würde.

Entsprechende Zugeständnisse brachte der Besuch in Fes von keiner Seite. Außer einem recht unverbindlich gehaltenen, gemeinsamen Communiqué wurde nichts vereinbart. Doch Marokkos Verhältnis zum Jüdischen Staat blieb vergleichsweise entspannt – jedenfalls vor dem Hintergrund der radikal kompromisslosen Ablehnung bis hin zur immer noch grassierenden Vernichtungsrhetorik anderer Staaten.

Auch der nach wie vor sehr vitalen jüdischen Minderheit in Marokko ging und geht es traditionell vergleichsweise gut. Umgekehrt fühlen sich viele aus Marokko stam­men­de Juden bzw. deren Nachkommen in Israel – sie bilden dort die größte Gruppe orientalischer Juden – ihrer „anderen“, früheren, Heimat oft weiterhin verbunden. Während das für die meisten anderen arabischen Länder nicht denkbar ist, ist es Israelis schon seit Jahrzehnten erlaubt, Marokko zu bereisen, wenn sie dort familiäre Wurzeln haben.

So ist eigentlich verwunderlich, dass Marokko nicht schon in der Folge der Abkom­men zur gegenseitigen Anerkennung, die Israel und die PLO 1993 in Oslo auf den Weg brachten, und die zumindest anfänglich Bewegung und Hoffnung in Richtung auf echten Frieden in Nahost brachten – auch wenn die der Gewalt der Unversöhn­lichen nicht lange standhielt – diplomatische Beziehungen mit Israel aufnahm. Allein Jordanien bzw. dessen Königshaus sprang damals auf den Zug auf, hat aber bis heute Mühe, diesen Schritt vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen. Warum also ausgerechnet jetzt, im Dezember 2020, in einer Zeit, in der Israel mit dem „Deal des Jahrhunderts“ zwischen Trump und Netanjahu die Palästinenser in geradezu historischer Weise demütigte (siehe „Donald löst den Nahostkonflikt“, Abrahams Post Frühjahr/Sommer 2020) und der israelische Premierminister seine Doktrin, wonach keine Zugeständnisse an die Palästinenser erforderlich seien, um arabische Staaten zum Einlenken zu bewegen, auch in Washington zur Staatsräson machen konnte? Es drängt sich freilich der Verdacht auf, dass das von weiten Teilen der Welt ersehnte bevorstehende Ende der Ära Trump dabei die entscheidende Rolle spielte. Der lieferte denn auch die Erklärung, als er bekannt gab – damals durfte er noch twittern – dass die USA ab sofort die seit 1975 von Marokko besetzte Westsahara als zu Marokko gehörig betrachten würde. Schließlich, so die ebenso schlichte wie trumpeske Begründung, habe Marokko ja schon 1777 die USA aner­kannt. Das also war der Deal: Wir anerkennen eure Besatzung, und ihr nehmt Israels Besatzung von Palästinensergebieten hin.

Vorausgegangen waren dem bekanntlich kurz zuvor zwei weitere Friedensab­kom­men: mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und mit dem kleinen Inselstaat Bahrain. Zwar hatten die Staaten nie Krieg gegeneinander geführt, doch kann Benjamin Netanjahu die Vereinbarungen zum Austausch diplomatischer, kultureller und – ganz besonders – wirtschaftlicher Beziehungen in der Tat als historischen Erfolg für sich verbuchen. Dass dabei ein Handelsabkommen im Umfang von mehreren Milliarden Dollar ausgerechnet den Namen „Abraham Fund“ erhielt, mag man geschmacklos finden. Es passt jedoch zur Denkweise und zur verdrehten und entstellenden Sprechweise der Trump-Ära, und es passt natürlich zu der Bezeich­nung, unter der die Abkommen in Washington vermarktet wurden: „Abraham Accord“, „die Abraham-Vereinbarung“!

Sie beinhalten Rüstungsversprechen der USA für die VAE, insbesondere von hoch­tech­nisierten F35-Kampfflugzeugen – die nun allerdings vom neuen US-Präsiden­ten Biden einer kritischen Prüfung unterzogen werden sollen. Solche Zusa­gen stellte die Trump-Regierung auch dem Königreich Saudi-Arabien in Aussicht, von dem Beobachter ebenfalls für möglich gehalten hatten, dass es eine offene Anerkennung Israels (de facto bestehen ja inzwischen keine schlechten Beziehungen) aussprechen würde. Womit ein zentrales, wenn nicht ein entscheidendes Glied in jener Achse angesprochen ist, um die es geht: um das „gemeinsame Interesse an einem Krieg mit Iran“ nämlich, wie Netanjahu im Februar 2019 wörtlich formuliert hatte. Entsprechend groß war die Sorge, dass es noch vor dem Ende der Amtszeit Trumps zu einem Militärschlag kommen könnte, und an entsprechenden Provokatio­nen fehlte es nicht. Dass es dazu nicht kam, mag womöglich nur dem chaotischen Getrampel des orientierungslosen Präsidenten in den letzten Wochen und Tagen seiner Amtszeit zu verdanken sein, deren Ende er nicht hinnehmen wollte. Ein solcher Gedanke stimmt nachdenklich, denn was dadurch womöglich ausgeblieben ist, hätte das Fanal zu einem neuen, verheerenden und umfassenden Krieg werden können – den am Ende gewiss niemand gewollt haben würde.

Was wohl Abraham von all diesen Machenschaften gehalten hätte? Nun, vielleicht hätte er darauf verwiesen, dass sich schon in der Zeit, als die Geschichten und Überlieferungen ihre Gestalt annahmen, die wir in der Hebräischen Bibel über ihn vorfinden, ein besonders enges Verhältnis zwischen Persien und dem sich formieren­den Judentum entfaltete. Das erneut von hoher Gewichtung war, als der sogenannte Babylonische Talmud im persischen Herrschaftsbereich abgefasst wurde. Dass in Israel heute eine große und bedeutende Gruppe von aus dem Iran stammenden Juden lebt, die sich oft kulturell weiterhin ihren Wurzeln verbunden fühlen. Und dass auch im heutigen Iran jüdische Gemeinden bestehen. Der Visionär Abraham würde vielleicht davon träumen, dass – ganz ähnlich wie in Marokko – auf diesen persön­lichen Verbundenheiten aufgebaut werden könnte und die politischen Irrwege endlich umschifft werden könnten … Was freilich voraussetzen würde, dass die Machthaber im Iran sich mehr um die legitimen Belange der eigenen Bevölkerung bemühen würden, anstatt die Aufmerksamkeit auf den Wahn von der Auslöschung eines Staates abzulenken, mit dessen Existenz das iranische Volk so wenig ein Problem hätte, wie andere auch, wenn für die betroffenen Palästinenser eine gerechte Friedenslösung verwirklicht werden würde … Viele Konjunktive.

Er, Abraham, war bereit, sich auf die Verheißung hin in eine ungewisse Zukunft aufzumachen. Das wäre im besten Sinne abrahamisch.

(aus: ABRAHAMS POST 38.2021)

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Normal ist das nicht.

Dass sich ganz plötzlich das Leben verändert, haben viele individuell schon erlebt. In Beirut hat es eine ganze Stadt mit einem wie surreal anmutenden Schlag kollektiv getroffen. Dass sich innerhalb kurzer Zeit das Leben global verändert, überall auf der Welt, ist in dieser Dimension neu. Auch deshalb fällt es uns vielleicht so schwer, Auswege aus der „Corona-Zeit“ zu beschreiben.

Wie auch immer die Pandemie verläuft, wie dramatisch die Opferzahlen sich bei unterschiedlichen Maßnahmen in verschiedenen Ländern entwickeln – die ins Bodenlose abgleitende Verelendung der Mittellosen in der so genannten Dritten Welt, die Vertiefung der Kluft zwischen relativ gut abgesicherten Systemen und blankem Ausgeliefertsein, die sozialen und psychischen Begleitschäden der Krise sind nicht zu leugnen. Kein Wunder, dass manche nicht wahrhaben wollen, was wahr ist. Wir müssen durchstehen, was die Notlage uns abverlangt – aber wir können nicht auf Dauer unseren Kindern pädagogische und soziale Fehlentwicklun­gen aufzwingen. Wir müssen wohl noch eine Weile unsere Gesichter verhüllen, Distanz als etwas Positives konnotieren und menschliche Nähe, Begegnung und Austausch einschränken – aber gewöhnen dürfen wir uns daran nicht. Das, was ein unverantwortlicher Sprachgebrauch als „neue Normalität“ festschreiben möchte, kann nie auf Dauer das Leben bestimmen.

Stattdessen könnten wir – parallel und genauso fieberhaft, wie wir dringend nach Medikamenten und Impfstoffen forschen – inzwischen daran arbeiten, wo und wie die Welt nach Corona, also hoffentlich schon bald, zu einer besseren gemacht werden müsste.

(Editorial der ABRAHAMS POST 37.2020/21)

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Donald löst den Nahostkonflikt

Was wie eine Satire klingt und in der Tat erschreckend ostentative Züge einer Politshow hatte, ist doch beängstigend ernst. Schon kurz nach seiner Wahl zum mäch­tig­sten Mann der Welt erklärte ein Präsident namens Donald mit gelben Haaren und Gehabe und Gerede, die man in einem Kindercomic nicht witzig fände, dass er, als politisches Genie und Deal Maker ohne Beispiel, die endgültige Lösung des Nahost­konflikts herbeiführen werde. Seitdem war Jared Kushner, von dem bisher nicht klar ist, welche Funktion er in der US-amerikanischen Regierung eigentlich innehat, damit beauftragt, die nötigen Details zu Papier zu bringen. Eine Qualifikation – außer der des Schwieger­sohns – hat er immerhin aufzuweisen: Seine Eltern sind seit langem enge Freunde der Netanyahus (laut New York Times erzählte der israelische Premier­minister freudig, dass er schon einmal in Jareds Kinderzimmer in New Jersey über­nachtet habe). Und Fleiß in der Sache ist dem stellvertretenden Genie nicht abzu­sprechen: Der am 28. Januar 2020 im Weißen Haus präsentierte Plan mit dem amt­lichen Titel „Peace to Prosperity: A Vision to Improve the Lives of the Palestinian and Israeli People“ umfasst 181 Seiten.

Wer die Show, bestehend aus je einer halbstündigen Rede des US-Präsidenten und des israelischen Ministerpräsidenten und dann als Schlussmusik „What a wonderful day“, in voller Länge verfolgt hat, hat verstanden, dass hier ein Deal zwischen diesen beiden Männern verkündet wurde, die sich mit Lob und Anerkennung gegenseitig überschüt­teten, und von denen der eine sich (noch) in einem Amtsenthebungs­verfahren befand und der andere am selben Tag wegen Betrugs, Untreue und Bestech­lichkeit im Amt angeklagt wurde. Im Wahlkampfmodus befanden sich beide, und ihre potentiellen Wähler und Unterstützer sehen in dem, was Israel und die USA ohne Beteiligung der betroffenen Palästinenser ausgehandelt haben, in der Tat den „Deal des Jahrhunderts“, als der der Trump-Plan schon seit zwei Jahren angekündigt worden war. Für die israelische Regierung ist er das auch – denn er verspricht die Anerkennung von Jahr­zehnte lang völkerrechtswidrig umgesetzten Tatsachen und das in einem Ausmaß, wie sich das kein noch so rechtsgerichteter israelischer Premier ohne Trump als Präsident je hätte erhoffen können. Weniger rechtsgerichtete Israelis – sie gibt es noch immer und wird es immer geben, wiewohl ihre Stimmen (vor allem außerhalb Israels) immer mehr zum Schweigen gebracht werden – verstehen den Plan als einen Anschlag nicht nur auf die Palästinenser, sondern vor allem auch auf sie selbst und auf alle, die auf­richtig Frieden in Nahost anstreben. Die niveauhöchste israelische Tageszeitung – so etwas wie in Deutschland SZ, FAZ und ZEIT in einem, wiewohl von der eigenen Regie­rung unter politischem Beschuss und von deren An­hän­gern gerne marginalisiert und diskreditiert – titelte am nächsten Tag: „Trump’s Plan is Ludicrous, Dangerous and Onesided“, „Trump’s Mideast Plan Is a Recipe for War, Not Peace“ und stellte fest, der Plan „was written with the clear intention of getting the Palestinians to reject it.“

Nachdem die damals von der PLO repräsentierten Palästinenser schon 1988 den Staat Israel anerkannt haben und mit den Oslo-Verträgen 1993 auf 77 Prozent ihres Landes verzichteten, hätten sie jetzt als möglicherweise „letzte Chance“ (Trump) die Wahl, den Plan bedingungslos zu akzeptieren. Dann, so Netanyahu wörtlich („wenn sie alle Bedingungen akzeptieren“), „wird Israel bereit sein, über Frieden zu verhan­deln.“ Den Palästinensern kommt im Netanyahu-Trump-Abkommen die Rolle der Eingeborenen zu, denen Glasperlen hingehalten werden. Von ihnen wird offenbar ganz kalkuliert erwartet, dass sie sich widersetzen – damit keine der ihnen scheinbar in Aussicht gestellten Zugeständnisse erfüllt zu werden brauchen, während Netanya­hus Wunschzettel Punkt für Punkt umgesetzt werden soll.

Die Arroganz der Macht manifestiert sich hier in so unverblümt menschenverach­tender Weise, dass man einen Wiedergänger des Kolonialismus des späten 19. Jahr­hunderts auf offener Bühne erlebt – und dazu den Applaus von Menschen, die anschei­nend kein Gespür mehr für die Würde und die grundlegenden Rechte „der anderen“ aufbringen. Das ist es, was uns alle erschrecken muss. Wir alle sind hier ange­sprochen. Denn diese Vorstellung in Washington war eine Schande für die zivili­sierte Welt. Dass sie möglich werden konnte, verweist auch auf das totale Versagen Europas in Nahost.

Natürlich wird das zu noch mehr Gewalt führen, zu noch mehr Bedrohung für den jüdischen Staat, dessen Überleben dadurch ganz gewiss nicht gesichert, sondern noch stärker gefährdet wird. Der 28. Januar 2020 könnte den letzten Nagel in den Sarg einer friedlichen Zukunft für Israelis und Palästinenser geschlagen haben. Diese Perspektive sollten vor allem auch jene an sich heranlassen, die demnächst vermut­lich auch Kritik am „Deal of the Century“ als „israelbezogenen Antisemitismus“ brand­marken wollen.

Dabei wissen alle, dass Frieden machbar ist. Der Oslo-Prozess der 1990er Jahre hat bewiesen, dass beide Seiten zu enormen Zugeständnissen bereit sein können, wenn die Richtigen regieren. Zerschlagen wurde dieser Prozess und seitdem die damit verbun­denen Hoffnungen auf echten Frieden von seinen Gegnern – zu denen sich damals schon Benjamin Netanyahu zählte –, vom islammissbrauchenden Terror der Hamas, der Netanyahu damals zum ersten Mal ins Amt des Ministerpräsidenten spülte, vom Mörder Jizchak Rabins u. v. a. Würde ein Plan von den betroffenen Parteien auf Augenhöhe, unter Achtung der gegenseitigen Rechte, des jeweiligen Vermächtnisses, der Perspektiven darauf, was in Zukunft möglich werden kann, ausgehandelt, unter Begleitung von Garanten, die beiden Seiten gleichermaßen nahe stehen, dann wären Kompromisse möglich, selbst wenn sie sich in manchen Teilen vielleicht nicht weit von dem unterscheiden müssten, was Jared Kushner auf seinen 181 Seiten schreibt. Der Weg dahin würde über die Anerkennung der Palästinen­sischen Autonomiebehörde als Regierung des Staates Palästina führen, als die sie sich selbst bezeichnet. Auch wenn das nur ein Etikett sein mag, das an den Verhältnissen vor Ort zunächst nichts ändert, so könnten dann formal zwei international anerkannte Staaten miteinander Verhandlungen aufnehmen. Wenn uns dieser Gedanke abwegig erscheint, mag das daran liegen, dass wir in Deutschland gar nicht wahrnehmen, dass der Staat Palästina als solcher bereits von 138 der 193 Mitgliedsstaaten der UNO, darunter immerhin 9 der 27 EU-Länder anerkannt wird, sowie vom Vatikan. Eine Bundestagsresolution zur Anerkennung des Staates Palästina wäre die gebotene Antwort auf den „Deal of the Century“ und ein entscheidender nächster Schritt.

(aus: ABRAHAMS POST 36.2020)

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Der Aufschrei der Anständigen

Bei einem Brandanschlag auf die Israelitische Kultusgemeinde in München werden sieben Menschen getötet! – Ähnlich unfassbar wie das Verbrechen selbst – das sich am 13. Februar zum 50. Mal jährte –, erscheint uns heute die Tatsache, dass es damals nicht nur nicht aufgeklärt, sondern auch aus dem Bewusstsein der Stadt weitgehend verdrängt wurde. Nur wer sich näher mit jüdischem Leben in München beschäftigt, befasste sich damit – bis der Kabarettist Christian Springer nun zum Jahrestag engagiert das überfällige Gedenken anmahnte. Der in seinem beabsichtigten Ausmaß gottlob gescheiterte Anschlag von Halle am 9. Oktober 2019 (Jom Kippur) hat in Erinnerung gerufen, dass es auch in Deutschland, trotz allem sogar in Deutschland, immer wieder Wahnsinnige gibt, die Menschenhass nicht nur verbreiten, sondern auch in Taten umzusetzen versuchen. Aber neu ist diese Erkenntnis nicht. Sie offenbart auch keine neue Dimension des Judenhasses, sondern – schlimmer! – macht sichtbar, was schon immer da war. Das gilt ähnlich auch für die widerlichen Erfolge der AfD, die in die Parlamente transportiert haben, was mehr oder weniger still gedacht wurde und wird. Der Coup der Unanständigen in Erfurt hat aber auch das gezeigt: dass ein sofortiger, lauter Aufschrei innerhalb und außerhalb der Parteien eben nicht hingenommen hat, was da eingefädelt worden war.

Die eindrucksvollen Demonstrationen z. B. am 10. Oktober und wieder am 24. Januar am St.-Jakobs-Platz, die breiten Bündnisse und die unzähligen Stimmen Einzelner im Alltag sind heute doch lauter und deutlicher als wohl je zuvor. Darin unterscheidet sich die Situation in unserer Zeit ganz essentiell von der vor 80 Jahren und immer noch ganz maßgeblich von der vor 50 Jahren. Wer das Engagement der gar nicht so schweigsamen Mehrheit kleinredet, ihren anhaltenden Aufschrei nicht anerkennt, gibt den Falschen scheinbar recht.

(Editorial der ABRAHAMS POST 36.2020)

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Sage nein!

Zu den antisemitischen Übergriffen in Berlin (am 26.7.) und München (am 3.8.) - und wann und wo auch immer

Wir werden es nicht ganz abstellen können, dass es dumme Menschen gibt, mit defektivem Selbstvertrauen, in der Seele vergiftet – dass es also auch Antisemiten gibt. Aber wir akzeptieren es nicht, dass sie unwider­sprochen auf unseren Straßen (oder wo auch immer) Menschen attackieren oder beleidigen. Konstantin Weckers Lied von 1993 ist unfassbar aktuell. Es sollte wieder viel häufiger gehört – und beachtet – werden (Auszüge):

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
wieder Nazi-Lieder johlen,
Über Juden Witze machen,
über Menschenrechte lachen,
Wenn sie dann in lauten Tönen
saufend ihrer Dummheit frönen,
Denn am Deutschen hinterm Tresen
muss nun mal die Welt genesen,
Dann steh auf und misch dich ein:
Sage nein!

Und wenn sie in deiner Schule
plötzlich lästern über Schwule,
Schwarze Kinder spüren lassen,
wie sie andre Rassen hassen,
Lehrer, anstatt auszusterben,
Deutschland wieder braun verfärben,
Hab dann keine Angst zu schrei’n:
Sage nein!

Ob als Penner oder Sänger,
Bänker oder Müßiggänger,
Ob als Priester oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
Ob du sechs bist oder hundert,
sei nicht nur erschreckt, verwundert,
Tobe, zürne, misch dich ein:
Sage nein!

(aus: ABRAHAMS POST 35.2019/20)

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"Um Gottes und des Lebens Willen: Kein Krieg mit Iran!"

Der Gründer der Freunde Abrahams Manfred Görg (1938-2012) überschrieb mit diesem besorgten Appell das Editorial der ABRAHAMS POST vom Sommer 2005. Er musste dabei auf einen „unbelehrbaren Präsidenten der USA“ verweisen – gemeint war George W. Bush – und auf die „zuvor geltend gemachten angeblichen Beweise für eine vom Irak ausgehende weltumspannende Gefahr“. Daraus folgte für ihn zwingend: „Wie vor dem Irak-Krieg erheben wir auch jetzt im Namen der Freunde Abrahams unsere Stimme gegen ein weiteres schreckliches Unheil, das mit dem drohenden Krieg gegen den Iran verbunden sein wird. (…) Der Kriege sind genug! Kein weiteres Abenteuer! Kein neuer Krieg!“

Der israelische Premierminister Netanyahu begründete seine Teilnahme an einer gemeinsamen Konferenz mit Vertretern mehrerer arabischer Staaten vor einigen Mo­na­ten wörtlich damit, „um das gemeinsame Interesse an einem Krieg mit Iran voran­zubringen.“ (Warschau 13.2.2019, „כדי לקדם את האינטרס המשותף של מלחמה באיראן“). Das gemeinsame Interesse der Welt formulierte Manfred Görg vor 14 Jahren so: „Der Mitt­le­re und Nahe Osten braucht stattdessen immer erneuerte Initiativen zu Verhand­lungen, die in aller nur denkbaren Intensität, sowohl mit Sinn für die Realitäten, aber auch mit Phantasie für die Möglichkeiten einer friedlichen Verständigung geführt werden müssen.“

Hier soll nicht die um sich greifende Einflussnahme und Präsenz Irans in Syrien, im Libanon und andernorts und die damit empfundene Bedrohung kleingeredet werden. Aber alle, die sich wahrhaftig um die Sicherheit Israels und das dauerhafte Bestehen des jüdischen Staates sorgen, ohne dabei nur eine Seite des Konflikts wahrzu­nehmen und gelten zu lassen, müssen vor allem anderen jene Gerechtigkeit für alle einfor­dern, ohne die in den Worten der Bibel (Ps 85, 10) kein Friede zu haben ist.

Stattdessen erleben wir, wie der Vorwurf des Antisemitismus politisch missbraucht und so auf fatale Weise entwertet wird. Wie in demokratischen Ländern Politiker, die Men­schen­verachtung predigen, indem sie beispielsweise die Rettung Ertrinkender als Ver­brechen brandmarken, von Wähler­mehrheiten bejubelt werden. Die gras­sie­rende Massenverblen­dung um der vermeintlichen Größe der eigenen Nation Willen und ihre Überhebung über internationale Verträge und Frieden sichernde Staa­ten­­bündnisse gemahnt in beängstigendem Maße an die Stimmung in Europa vor dem Aus­bruch des Ersten Weltkrieges. Merken wir nicht, wie wir auf einen neuen Abgrund zu­steuern, der nicht nur den Nahen Osten in ungeahnte Dimensionen des Verderbens stürzen wird? Womöglich fehlt nur noch ein Attentat auf einen Thronfolger …

(Editorial der ABRAHAMS POST 33.2018/19)

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"Wer 'Antisemitismus' ruft, wo keiner ist, der schadet dem Kampf gegen Antisemitismus!" (Shimon Stein)

Die mahnenden Worte des ehemaligen Botschafters des Staates Israel in Deutschland, die wir in der ABRAHAMS POST schon zitiert haben (Frühjahr/Sommer 2018, Editorial), werden weiterhin missachtet. Während offener Antisemitismus heute wieder in erschreckendem Maß um sich greift, beobachten wir mit großer Sorge, wie gleichzeitig dem Kampf gegen Antisemitismus dadurch geschadet wird, dass der Vorwurf ausgerechnet für extrem rechts gerichtete politische Zwecke instrumentalisiert wird. Das gilt auch dann, wenn dies in vermeintlich guter Absicht geschieht – was man den Bundestagsabgeordneten zubilligen wird, die jüngst in einer Resolution die sogenannte „BDS“-Bewegung pauschal mit Antisemitismus gleich­gesetzt haben. Wer nicht differenziert, wo Kritik an Israel tatsächlich antisemi­tisch begründet sein kann und wo sie vom Grundrecht der Meinungsfreiheit ge­schützt wird, wo sie legitim ist und wo sie dringend geboten sein sollte, greift in unser aller Verantwortung um den Kampf gegen Antisemitismus ein, indem er den Vorwurf und Begriff missbraucht und entwertet.

Menschen, die alle Anerkennung um ihr Wirken für das gelingende Miteinander in Deutschland verdienen, wie z. B. Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums Berlin, der im Kontext jener Entscheidung durch heftige Vorwürfe zum Rücktritt veran­lasst wurde, werden zum Opfer eines um sich greifenden neuen Unrechtsmechanis­mus. Der Ägyptologe und die Kulturwissenschaftlerin Jan und Aleida Assmann, Friedens­preisträger des Deutschen Buchhandels 2018, die sich öffentlich mit Peter Schäfer als einem „engagierten Freund Israels“ solidarisierten, fanden dafür deut­liche Worte: „Ein neues Gespenst geht um in Europa: das ist der Antisemitismus-Vorwurf.“ Dieser stelle „uns Europäer, insbesondere Deutsche, unter Generalver­dacht und ruft im Stil der McCarthy-Ära zu einer Hexenjagd auf jeden auf“, der die aktuelle Politik Israels nicht unterstütze und denunziere ihn als Antisemiten.

Es sind vor allem auch kritische Israelis, die sich laut und deutlich gegen die in ihren Augen verheerende Politik ihres Landes aussprechen – weil sie darin Unrecht gegen das palästinensische Volk zum einen und zum anderen die tatsächlich größte Gefahr für die Sicherheit und das Fortbestehen ihres eigenen Staates erkennen. Wer sie, wie das in Deutschland massiv geschieht, zum Schweigen bringt, macht sich – falls sie Recht haben – am gegenwärtigen und künftigen Leid der Menschen im Nahen Osten, und ausdrücklich auch Israels, mit schuldig!

Weil wir das nicht wollen, möchten wir zur Verbreitung eines Aufrufs von 240 jüdischen und israelischen Wissenschaftlern an die Bundesregierung vom 3.6.2019 beitragen und Auszüge daraus abdrucken. Der volle Wortlaut ist hier zu finden: https://de.scribd.com/document/412474418/Aufruf-von-240-Judischen-und-Israelischen-Wissenschaftlern-an-die-Bundesregierung-zu-BDS-und-Antisemitismus

„(…) Wie in der früheren Erklärung zum Ausdruck gebracht, betrachten wir Anti­semit­­is­­mus und alle Formen von Rassismus und Fanatismus als Bedrohungen, die bekämpft werden müssen, und wir ermutigen die deutsche Regierung und den Bundes­tag, dies zu tun. Der Bundestagsbeschluss [vom 17.5.2019 zur Einstufung der sog. „BDS“-Bewegung als „antisemitisch“] unterstützt diesen Kampf jedoch nicht. Im Gegenteil, er untergräbt ihn.

Die Meinungen zu BDS gehen unter den Unterzeichnern dieses Aufrufs erheblich auseinander: Manche mögen BDS unterstützen, während andere es aus verschie­denen Gründen ablehnen. Wir alle lehnen jedoch gleichermaßen die trügerische Behauptung ab, BDS sei als solches antisemitisch, und wir bekräftigen, dass Boykotte ein legitimes und gewaltfreies Mittel des Widerstands sind. Wir, darunter führende Antisemitismusforscher, erklären, dass man nach dem Inhalt und dem Kontext seiner Worte und Taten als Antisemit betrachtet werden sollte – ob sie nun von BDS-Unterstützern stammen oder nicht.

Bedauerlicherweise ignoriert der Beschluss die ausdrückliche Ablehnung ‚aller Formen von Rassismus, einschließlich Antisemitismus‘ durch die BDS-Bewegung. Die BDS-Bewegung versucht, die Regierungspolitik eines Staates zu beeinflussen, der für die anhaltende Besetzung und Unterdrückung des palästinensischen Volkes verantwortlich ist. Eine solche Politik kann nicht immun gegen Kritik sein. In diesem Zusammenhang ist auch anzumerken, dass viele jüdische und israelische Einzelpersonen und Gruppen BDS entweder ausdrücklich unterstützen oder das Recht darauf verteidigen. Wir halten es für unangemessen und beleidigend, wenn deutsche Regierungs- und parlamentarische Institutionen sie als antisemitisch abstempeln.

(…) Wir kommen zu dem Schluss, dass der Anstieg des Antisemitismus eindeutig nicht die Sorge ist, die den vom Bundestag beschlossenen Antrag inspiriert hat. Im Gegenteil, dieser Antrag ist von den politi­schen Interessen und der Politik der am stärksten rechtsgerichteten Regierung Israels in der Geschichte des Landes angetrieben. (…)

Die antisemitische Bedrohung geht nicht von palästinensischen Menschenrechts­aktivisten aus, sondern vor allem von der extremen Rechten und von dschihadisti­schen Gruppen. Die Leugnung dieser Tatsache könnte Muslime und Araber dem bedeutsamen Kampf gegen Antisemitismus entfremden und behindert die Heraus­bildung echter Solidarität zwischen Juden, Israelis, Muslimen und Arabern im Kampf gegen Antisemitismus und andere Formen von Rassismus. Sie sendet auch eine falsche Botschaft an diejenigen, die sich der Unterdrückung des palästinensischen Volkes mit gewaltfreien Mitteln widersetzen.

Aus all diesen Gründen lehnen wir, jüdische und israelische Wissenschaftler, den Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen ab. Nach dem Bundes­tags­beschluss fordern wir nun die Bundesregierung auf, diesem Antrag nicht zu folgen und BDS nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. (…) Darüber hinaus rufen wir die Bundesregierung dazu auf, ihre direkte und indirekte Finanzierung israelischer und palästinensischer Nichtregierungs­organisationen aufrechtzuerhal­ten, die der israelischen Besatzung friedlich entgegenwirken, schwere Vorwürfe gegen das Völkerrecht aufdecken und die Zivilgesellschaft stärken. Diese Organi­sationen verteidigen die Prinzipien und Werte, die das Herzstück der liberalen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Deutschland und andernorts bilden.“

(aus: ABRAHAMS POST 35.2019/20)

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In den Schuhen des Anderen

Am 8. September 2018 wäre Manfred Görg 80 Jahre alt geworden. Die Freunde Abrahams feiern ihren Gründer und bleibenden geistigen Vater mit zwei Veranstal­tun­gen: Mit dem „Abrahamischen Friedensgebet“, das jährlich im Umfeld des Todes­­tages von Manfred Görg stattfindet (… 17.9.2012), und mit der Verleihung des nach ihm benannten Preises für religionsgeschichtliche Forschung und inter­reli­giösen Dialog, der alle drei Jahre vergeben wird. Beides findet am Sonntag, 16.9.2018 statt – siehe Seite 3.

In einem Interview aus dem Jahr 2008, dem auch das Preismotto „Religion verpflich­tet zur Offenheit!“ entlehnt ist, untermalt Görg diese Maxime mit der Formulierung: „Man muss lernen, in den Schuhen des Anderen zu gehen“. Es reicht eben nicht, nebeneinander herzulaufen. Es braucht Wertschätzung für die oder den Anderen, solidarisches Interesse an dem, was ihr und ihm kostbar und heilig ist, Empathie für seine und ihre Sorgen und Ängste.

Es reicht eben auch nicht, nur die eigene Religion zu kennen und zu schätzen. Denn dann besteht immer die Gefahr, dass sie für die Bestimmung der eigenen Identität verein­nahmt und dazu missbraucht wird, Grenzen gegen Andere abzustecken. Wer die eigene Religion und ihre Symbole wie ein Feldzeichen vor sich herträgt, darin gleichsam ein Wappen oder eine Fahne sieht, der verehrt damit nicht mehr das absolut Unverfügbare, das den Kern jeder Religion ausmacht, sondern vergöttert letztlich die Interessen der eigenen Gemeinschaft.

Auch das hat Görg in jenem Interview deutlich ausgesprochen: „Es ist un­christlich, Kulturen abzuweisen, die bei uns zu Gast sind und hier zuhause sein möchten.“

(Editorial der ABRAHAMS POST 33.2018/19)

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zum 70. Geburtstag des Staates Israel:

"Grundlage für Frieden ist, die Realität anzuerkennen." (Benjamin Netanjahu)
oder: Wer Jerusalem für sich allein beansprucht, wird Jerusalem nicht gerecht

Papst Franziskus rief […] die Nationen dazu auf, sich dafür einzusetzen, „den Status der Stadt zu schützen, wie es die entsprech

enden Resolutionen der UNO vorse­hen“. Die laut Völkerrecht geteilte Stadt wird von den Israelis und den Palästinensern gleichermaßen als Hauptstadt beansprucht. „Jerusalem ist eine einzigartige Stadt, heilig für Juden, Christen und Muslime“, erinnerte der Papst, „und sie hat eine besondere Berufung zum Frieden“. Er bete dafür, dass diese Identität „zum Wohl des Heiligen Landes, des Nahen Ostens und der ganzen Welt bewahrt und bestärkt werde“. Es brauche jetzt „Weisheit und Vorsicht, damit keine neuen Elemente der Spannung in einem Weltpanorama entstehen, das jetzt schon gezeichnet ist von so vielen und grausamen Konflikten.“ (Radio Vatikan, 6.12.2017)

Als vor 70 Jahren – am 14. Mai 1948 – der Staat Israel Wirklichkeit wurde, geschah dies auf Grundlage der UN-Resolution 181 vom 29.11.1947 zur Teilung Palästi­nas. Neben einem jüdischen und einem arabischen Staat war darin ein sog. Corpus separatum, ein Territorium unter internationaler Ver­waltung vorgesehen, das die Städte Jerusalem und Betlehem mit ein wenig Umland umfassen sollte. Vorausge­gangen war 30 Jahre zuvor die sog. Balfour-Erklärung, in der der britische Außen­minister die Schaffung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästi­na“ („the establishment in Palestine of a national home for the Jewish people“) begrüßte, mit der ausdrücklichen „Maßgabe, dass nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaf­ten in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte.“

Auf jüdischer Seite reichten die Meinungen von aufrichtiger Akzeptanz des UNO-Teilungsplans und einhelliger Freude über die Verwirklichung des Traums vom Juden­staat, in welchen Grenzen auch immer, bis zum fortgesetzten Anspruch auf das ganze Mandatsgebiet von Palästina in den Grenzen von 1920-23, das auch noch das neu gegründete Königreich Jordanien mit umfasst hatte. Auf arabischer Seite herrschte entschiedene Ablehnung und die vermeintliche Gewissheit, dass mit einem kurzen Krieg das „zionistische Gebilde“ auszulöschen wäre. Das Ergebnis war bekanntlich die Teilung Palästinas in drei Teile: den Staat Israel, einen von Jordanien besetzten Teil (das sog. Westjordan­land) und einen von Ägypten besetzten Teil (den Gazastreifen). Jerusalem wurde für 19 Jahre mitten hindurch geteilt, an der Altstadt­mauer entlang. Die Umsetzung des Corpus separatum wurde von keiner der Seiten verfolgt. Israel schuf im Westteil Jerusalems seine Hauptstadt. Im Zuge der Nakba blieben dort nur wenige arabische Bewohner zurück. Jordanien vertrieb die jüdische Bevölkerung aus der Altstadt, Synagogen wurden zerstört, der Zugang zur Klage­mauer blieb Juden verwehrt.

Mit dem Sechstagekrieg von 1967 wurde mit dem Westjordanland auch der Ostteil Jerusalems israelisch besetzt. Die Stadtgrenzen wurden so gezogen, dass nach Westen hin immer mehr jüdische Vororte ein­geschlossen wurden, nach Osten hin arabische Vororte ausge­schlossen blieben. Dort, an der östlichen Stadtgrenze, die sich de facto mitten durch arabische Wohnviertel zieht, wurde inzwischen eine mons­tröse Sperrmauer errichtet. Zunehmend wird Palästinensern, die in Jerusalem geboren wurden und ange­stammten Familien angehören, ihr „Wohn­recht“ entzo­gen – während jüdische Neueinwanderer in den großen Trabantenstädten im be­setz­ten Ostteil Ver­günstigungen genießen, selbst wenn sie Jerusalem noch nie zuvor betreten hatten.

Seit den sieben Jahren, die ich in den 1980ern und 90ern in Jerusalem lebte, wurde die Stadt verändert. Vor dem Zugang zu meinem damaligen Zimmer, das auf dem Dach eines Hauses am Rand des Armenischen Viertels der Altstadt erbaut ist, mit Blick auf den Ölberg, wurde von jüdischen Nachbarn ein hoher, eiserner Stangen­zaun samt Stacheldraht aufgezogen. Die armeni­schen Bewohner, die nicht infor­miert worden waren, sahen sich bewaffneten Grenzpolizisten gegenüber, als sie die bloße Frage stellen wollten, was denn vor sich gehe. Dieses persönliche Beispiel ist nur eines von unzähligen kleinen Details, über die keine Zeitung und keine Nach­rich­ten­sendung berichten. Jeder, der Jerusalem wirklich kennt, kann davon erzäh­len. Worüber auch weite Teile der jüdisch-israelischen Bevölkerung der Stadt klagen, ist eine massive Expansion des als religiös radikal empfundenen orthodoxen Sektors, der liberale, weltlich und westlich eingestellte Israelis zunehmend in die Defensive und zur Abwanderung aus der Stadt drängt. In den israelischen Regie­rungen hat in den letzten Jahren und Jahr­zehnten eine erschreckende politische Radikalisierung stattgefunden. Strö­mungen, die vor 30 Jahren von einem breiten Konsens der israelischen Gesellschaft mit gutem Grund als rechts­extrem eingestuft und entsprechend ausgegrenzt wurden, werden inzwischen von der Regierung politisch unterstützt, finanziell gefördert und sind selbst an Regierungen beteiligt. Parteien, die früher mit dem bürger­lich-konservativen Spektrum in Europa vergleich­bar waren und längst in Israel tonangebend wurden, stehen dem Politikstil und den inhaltlichen Positionen nach für das, was in Deutschland als populistisch und extre­mis­tisch, rassistisch und gefähr­lich gebrandmarkt werden würde.

Der Chef der jetzigen und mehrerer vorangegangener Regierungen Israels seit der Ermordung von Jitzchak Rabin, Benjamin Netanjahu, unterstützte Donald Trumps Aner­kennung Jerusalems als Hauptstadt Israels mit den Worten: „Grundlage für Frieden ist, die Realität anzuerkennen. (…) Jerusalem ist die Hauptstadt Israels und niemand kann das verneinen.“ Er hat damit vollkommen Recht. Zur Realität gehört der israelische Anspruch, die eigene Hauptstadt selbst zu bestimmen. Zur Realität gehören aber ebenso die Ansprüche der anderen Seite. Zur Realität gehört auch, dass ein Teil der Bevölkerung Jerusalems Israel als Besatzungsmacht erlebt. Zur Realität gehört deren seit Jahrzehnten untragbare Diskriminierung, Entrechtung und Vertreibung. Zur Realität gehört, dass Israel seine politischen Vorstellungen ohne jede Rücksicht auf internatio­nales Recht durchsetzt und Kritik daran gerne als „anti­semitisch“ motiviert stigmatisieren lässt – während jedes Bemühen der Palästinenser, die eigene Realität zur Sprache zu bringen, delegitimiert wird, und zwar gerade auch dann, wenn dafür ausdrücklich gewaltfreie Wege beschritten werden sollen. Alle diese Realitäten gleichermaßen anzuerkennen, ist die Verpflichtung der deutschen und europäischen Politik. Denn, wie Benjamin Netanjahu richtig betont, wäre das die Grundlage für Frieden.

Wenn ich regelmäßig in meine geistige Heimatstadt Jerusalem zurück­kehre, dann erlebe ich dort – trotz allem – immer noch eine Stadt von geradezu über­irdischer Schönheit. Immer noch ist die Vielfalt dieser Stadt so aus­geprägt, dass sie den Ort auf unvergleichliche Weise auszeichnet – auch wenn die Formen des Miteinanders weniger ins Auge springen, als die des Gegen- und vor allem die des Nebeneinanders. Immer noch ist Jerusalem ein Ort, der wie kein anderer auf der Welt einen Platz hat in den Herzen von mehreren Milliarden Menschen rund um den Globus, und das infrage zu stellen wird Politik niemals in der Lage sein. Es kann daher nur eine gemeinsame oder eine internationale Verwaltung Jerusalems dieser Stadt und allen, die sie lieben, gerecht werden. Vielleicht so, wie es schon vor 80 Jahren von den Vereinten Nationen vorgegeben wurde. Auch das ist eine ganz simple Realität, die anzuerkennen Grundlage für den Frieden bleibt.

(aus: ABRAHAMS POST 32/2018)

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zur Resolution des Münchner Stadtrats "Gegen jeden Antisemitismus!":

"Wer 'Antisemitismus' ruft ...

… wo keiner ist, der schadet dem Kampf gegen Antisemitismus“ – so schrieb unlängst der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland Shimon Stein („Das böse Etikett“, Zeit online, 31.5.2017). Weil der Ungeist des Antisemitismus ebenso widerwärtig wie hartnäckig ist und immer wieder neu ernst genommen werden muss, deshalb erfordert der Vorwurf des Antisemitismus Verant­wortung, Verstand und ein Höchst­maß an Sensibilität von allen, die ihn einsetzen. Andernfalls droht er zu einer Floskel zu verkommen, die Brisanz seines Inhalts verwässert zu werden, oder er wird als Kampfbegriff für politische Ziele missbraucht.

Dann wird Antisemitismus nicht bekämpft – wie der Titel einer Resolution des Münchner Stadtrats es vorgibt –, sondern es wird dem Anti­semitismus, dem Rechtsextremismus und Rechts­populis­mus in die Hände gespielt. Die Resolution befasst sich mit dem hoch­komplexen Gebiet der Nah­ost­problematik, ohne sich um die dafür erforder­liche Kompetenz zu bemühen. Sie pauschalisiert anstatt zu differenzieren und bezieht einseitig Position in heftig umstrittenen Fragen.

Wenn Menschen, die sich für eine friedliche Verständigung von Juden und Arabern, Israelis und Palästinensern, Judentum und Islam einsetzen, die teilweise selbst jüdische Israelis sind und sogar Nachkommen von Opfern der Schoah, in die Nähe von Antisemitismus gerückt werden, dann ist auch das unerträglich. Dies geschieht aktuell in München, der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“. Auch das ist eine Form von Ungeist, die wahr­genommen und ernst­ge­nom­men und aufgehalten werden muss.

(Editorial der ABRAHAMS POST 32/2018)

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zur Resolution des Münchner Stadtrats "Gegen jeden Antisemitismus!":

"Gegen jeden Antisemitismus!"

Die Vollversammlung des Münchner Stadtrats hat am 13.12.2017 eine Resolution mit der Bezeichnung „Gegen jeden Antisemitismus! – Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung (‚boykott, divestment and sanctions‘)“ beschlos­sen. Wie der Titelzusatz zeigt, geht es dabei darum, der internationalen Kampagne oder Bewegung „Boycott, Divestment and Sanctions“, die „den Staat Israel wirt­schaft­lich, kulturell und politisch isolieren möchte“ (Wikipedia), jede städtische Unter­­stützung zu verweigern, sowie darum, die BDS-Bewegung als „anti­semitisch“ einzustufen.

Die Gesellschaft Freunde Abrahams kooperiert gern und eng mit israelischen wie mit anderen WissenschaftlerInnen und sieht darin einen zentralen Teil des eigenen Selbstverständnisses. Die Gesellschaft Freunde Abrahams kann also die BDS-Kampagne/-Bewegung nicht unterstützen und ihr nicht nahe stehen.

Wir begrüßen aber ausdrücklich den gewaltfreien Ansatz, und wir teilen mit vielen Palästinensern, Israelis, Juden, Christen, Muslimen und anderen Menschen weltweit eine wachsende Verzweiflung über die Politik der letzten Regierungen des Staates Israel. Sie trägt zu einer friedlichen Lösung des Konflikts nicht bei und stellt eben dadurch die Existenz des jüdischen Staates selbst infrage.

Zahlreiche UnterstützerInnen von BDS sind selbst Israelis und sehen gerade darin ausdrücklich ein Mittel, die sichere Zukunft Israels zu gewähr­leisten, in Frieden mit den Palästinensern. Einzelne BDS-AktivistInnen und ‑UnterstützerInnen würden offen­bar dem Staat Israel gerne das Existenzrecht absprechen. Diese Position kann aber nicht der Bewegung insgesamt zugeschrieben werden, deren Einstufung als „anti-zionistisch“ international umstritten ist. Erst recht darf eine solche Haltung keinesfalls pauschal auf alle Personen übertragen werden, die BDS unterstützen oder dieser Bewegung in irgendeiner Weise „nahe­stehen“. Wie sich in der Folge der Resolution in München bereits in mehreren Fällen gezeigt hat, führt das zu para­doxen und beklemmenden Diffamierungen von Personen, die für ihren Einsatz für Frieden und Menschenrechte eigentlich Anerkennung und Unterstützung verdienten.

Eine Bewertung der überaus komplexen Fragen zum Nahostkonflikt kommt niemals ohne seriöse Differenzierungen aus. Eine falsche Gleich­setzung „Kritik an der Politik Israels“ = „Israel-Kritik“ = „Kritik an der Existenz des jüdischen Staates“ = „Antisemitismus“ ist an allen Stellen fahrlässig und läuft auf einen verhängnisvollen Missbrauch des Anti­semitismus­begriffs hinaus, der dem Kampf gegen echten Anti­semitismus schadet (siehe Editorial).

(aus: ABRAHAMS POST 32/2018)